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27. Juni 2011

Gut geredet – zum Denken angeregt

 

Streiflichter vom IHK-Jahresempfang

Die Welt setzt an zum Aufschwung, die europäische Schuldenkrise wird täglich brisanter, Griechenland ist Protagonist einer Tragödie, Deutschland wächst so stark wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr und nimmt dafür Platz auf der europäischen Anklagebank. Wie passen diese heute vorherrschenden Aspekte der Weltwirtschaft zusammen? In klaren, zum Teil drastischen Worten umriss Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung in München, beim diesjährigen IHK-Jahresempfang die weltwirtschaftliche Lage und verortete Deutschland in der Welt.

„Das Geld traut sich nicht mehr raus“, stellte Prof. Sinn knapp fest und skizzierte damit einen der Gründe, weshalb Deutschland heute und nach der gerade überstandenen Wirtschaftskrise von 2008/2009 einen so nicht erwarteten Aufschwung erlebt. Das deutsche Kapital stehe dem Land fast vollständig für Investitionen zur Verfügung. Niemand wage mehr, in amerikanische Wertpapiere oder griechische Staatsanleihen zu investieren, die noch kurz vor Lehmann-Pleite und europäischer Schuldenkrise als sichere Anlagen galten. Der deutsche Erfolg besitze jedoch eine Geschichte. Fünf Millionen Arbeitslose und eine kräftige wirtschaftliche Flaute seien Grund für die damalige deutsche Bundesregierung gewesen, mit der Kernidee, die Arbeitslosenhilfe zu senken und Zuschüsse zu Niedriglohn zu bezahlen, die Menschen fürs Mitmachen am Arbeitsmarkt zu belohnen und damit eine der fundamentalsten Reformen in der Geschichte Deutschlands einzuführen. Eine Zerreißprobe für die Gesellschaft, die sich gelohnt habe, so Sinn. Durch Lohnzurückhaltung und Sparen sei Deutschland wieder wettbewerbsfähig geworden, während Länder wie Griechenland, Spanien, Portugal und Irland, aber auch die USA über ihre Verhältnisse gelebt hätten.

Der diesjährige Gastredner ging hart ins Gericht mit der Politik. Weder die Lösungsvorschläge für die griechische Tragödie seien haltbar noch sei Europa in der Lage, seine eigenen Maastricht-Regeln einzuhalten. Deutschland finde sich für seine erfolgreiche Wirtschaft auf der Anklagebank wieder. Mit einem Handelsüberschuss von 6 Prozent mache es die anderen Märkte kaputt, lautet der Vorwurf, und so habe Europa im Pakt für den Euro die Lohnstückkosten unter Beobachtung gestellt. Doch machte Prof. Sinn klar, es gebe keine Alternative zum Euro. Die schwachen Länder müssten eine reale Abwertung durchstehen, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Für Deutschland hielt der Wirtschaftsforscher gute Nachrichten parat: Der Aufschwung sei keine Eintagsfliege, und er sagte dem Land zehn gute Jahre voraus.

Die Gäste hörten es gerne, unter ihnen der Bundestagsabgeordnete Dr. Sascha Raabe, die Landtagsabgeordneten Aloys Lenz und Hugo Klein, der Vizepräsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages und Präsident der IHK Offenbach, Alfred Clouth, Landrat Erich Pipa, Oberbürgermeister Claus Kaminsky und zahlreiche Bürgermeister. Ihnen spüle der wirtschaftliche Aufschwung Geld in die Kassen, bemerkte IHK-Präsident Dr. Norbert  Reichhold in seiner einführenden Rede.

Auch im Main-Kinzig-Kreis stelle sich die Konjunkturlage sehr positiv dar. Die Auftragsbücher der Unternehmen seien gut gefüllt, die Nachfrage weiterhin auf hohem Niveau. Und dennoch fehlte dem Präsidenten die rechte Freudenstimmung. Wie Sinn zeichnete Reichhold das Bild einer boomenden Wirtschaft in einer tönernen Umgebung von Rahmenbedingungen. Die Preise von Rohstoffen und Halbzeugen stiegen rasant und schlimmer noch, manchmal seien die Materialien schlicht nicht verfügbar. Die Sicherung der Fachkräfte sei eine bleibende Sorge, obwohl die Unternehmen reagierten. So trügen sie Wünsche an die IHK heran, Qualifizierungsmaßnahmen für ihre Mitarbeiter anzubieten, insbesondere auch für ältere Beschäftigte. Für die Kinderbetreuung müssten Betriebe und Kommunen gemeinsame Wege finden, ebenso wie zur Versorgung der betagten Eltern von Mitarbeitern. Obwohl der Präsident in der europäischen Schuldenkrise ein weiteres Gefahrenpotenzial für die Unternehmen sah, schien ihm als schlechteste aller Lösungen diejenige, die am Ende die Europäische Union spalte oder gar zerbrechen lasse. Reichhold betonte die Bedeutung einer langfristig zuverlässigen und bezahlbaren Energieversorgung und begrüßte ausdrücklich die zunehmende Nutzung erneuerbarer Energien. Allerdings sei bis zum Ausstieg aus der Kernenergie die Nutzung von Kohlekraftwerken für einen längeren Zeitraum notwendig. Im Sinne der Versorgungssicherheit der Region und zur zukünftigen Sicherung der Arbeitsplätze sprach er sich erneut für den Bau des Blocks 6 des Kraftwerks Staudinger aus. Abschließend beklagte er die Pläne des Landes Hessens, das Staatliche Schulamt in Hanau zu schließen. Die Behörde für ein Sechstel aller Hessen, die in Main-Kinzig-Kreis und Offenbach lebten, dürfe nicht zu weit von den Menschen entfernt sein. Und er hatte eine Lösung parat: Das gemeinsame Schulamt solle in Hanau angesiedelt sein. Offenbach habe im vergangenen Jahr das Arbeitsgericht erhalten.

BU: Wechsel am Rednerpult: Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Werner Sinn (l.), Präsident des ifo Institut für Wirtschaftsforschung, und Dr. Norbert Reichhold (r.), Präsident der IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern beleuchteten verschiedene Aspekte der wirtschaftlichen Entwicklung im Main-Kinzig-Kreis, Deutschland und der Welt. Nachweis: Pistenknipser

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